Chlor macht
krank
Zusammenfassung
und Fazit
Epidemiologische Studien, Tierversuche, experimentelle
Laborstudien und theoretische Untersuchungen zum Struktur-Wirkungs-Mechanismus
bei Chlororganika haben eine Fülle von Indizien und Belegen dafür erbracht, daß
die Gruppe der chlororganischen Stoffe ein hohes gesundheitsgefährdendes und
ökotoxikologisches Potential mit sich bringt. Dies hängt u.a. mit den
strukturchemischen Auswirkungen der Einführung von Chlor in organische Moleküle
zusammen.
Diese Studie gibt eine Übersicht zu Entwicklungs- und
Reproduktionsstörungen, die mit hormonähnlichen Wirkungen von Chlororganika in
Zusammenhang gebracht werden, zur Bedeutung von Chlororganika für die
Krebsentstehung und für Schädigungen des Nerven- und Immunsystems sowie von
Leber und Nieren. Die in der Studie referierten Humanbefunde betreffen sowohl
beruflich exponierte Personen als auch die Allgemeinbevölkerung.
I.
Charakteristik,
Verbreitung, Eintragsquellen und Toxizität von Chlororganika
1992 wurden in Deutschland rund 3 Millionen Tonnen Chlor
erzeugt und in der chemischen Produktion eingesetzt. Über ein Drittel davon
gelangte in die Erzeugung chlorhaltiger Endprodukte. Die Einführung von Chlor
in organische Moleküle erhöht fast immer deren Human- und Ökotoxizität. So sind
z.B. ein Drittel der bisher in der Liste gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe
(MAK-Liste) erfaßten krebserzeugenden oder krebsverdächtigen Stoffe
chlorhaltige Verbindungen.
Chlorhaltige Produkte sind u.a. chlorierte Lösemittel,
Pestizide, PCP (Holzschutzmittel), FCKW, chlorgebleichtes Papier,
polychlorierte Biphenyle (PCB), PVC, Chlorparaffine, die bei
Verbrennungsprozessen entstehenden Dioxine u.v.a.m. Auch bei gesundheitlich
direkt weniger problematischen chlorhaltigen Produkten wie den Fluorchlorkohlenwassersteoffen
(FCKW) hat sich über die Schädigung der Ozonschicht inzwischen eine indirekte
Öko-Toxizität und Humanschädlichkeit erwiesen.
Die anwendungsorientierten Vorteile vieler organischer
Chlorverbindungen - hohe Beständigkeit, sehr geringe Brennbarkeit, großes
Fettlösevermögen - haben eine negative Kehrseite. Die stabilen Stoffe sind in
der Umwelt persistent (schwer abbaubar), sie reichern sich besonders im Fett
und damit in der Nahrungskette an (Bioakkumulation), und sie sind in hohem Maße
toxisch.
Obwohl es eine beachtliche Zahl natürlich vorkommender
Chlororganika - darunter auch solche mit Giftwirkung zur Abwehr anderer
Organismen - gibt, sind synthetische chlororganische Stoffe in der erzeugten
Art, Vielfalt und Menge naturfremd (Xenobiotika). Verschiedene Organismen
verfügen zwar (in unterschiedlichem Maße) über Entgiftungsmechanismen, mit
denen auch chlororganische Stoffe z.T. abgebaut und eliminiert werden können.
Diese Entgiftungsmechanismen sind, falls sie bei der betroffenen Spezies
überhaupt vorhanden sind, nur sehr unvollkommen auf die Belastung durch
synthetische (anthopogene) Chlororganika eingestellt. Deren Abbau findet,
sofern er überhaupt möglich ist, nur sehr langsam und i.d.R. unvollkommen
statt, und er läßt z.t. noch toxischere Abauprodukte entstehen, die
krebslauslösend, organschädigend oder immun- bzw. reproduktionsschädlich sind.
Infolge der großen freigesetzten Mengen und der schweren
Abbaubarkeit sind chlororganische Verbindungen heute überall
("ubiquitär") verbreitet. Eine wichtige Quelle sind Produktion und
Gebrauch chlororganischer Produkte. Weitere Quellen sind die Freisetzung aus
Altlasten und die Emission chlororganischer "Nebenprodukte" aus
Herstellung und Entsorgung (z.B. Dioxine aus der Verbrennung) chlorchemischer
Produkte. Zudem werden durch den Einsatz elementaren Chlors in der Textil- und
Papierbleiche und bei der Wasserchlorung hochtoxische chlorierte
Reaktionsprodukte erzeugt und freigesetzt. Eine andere Quelle stellt der
Gebrauch von Chlororganika als Pestizide, Desinfektionsmittel etc. in
Dritte-Welt-Ländern dar, besonders im Tropengürtel. Die persistenten
Chlororganika werden von dort vor allem atmosphärisch über die Erdhalbkugeln
verfrachtet. Die kälteren Regionen der Nord- und Südhalbkugel sind Senken für
diese global verfrachteten Chlororganika. Dies ist einer der Gründe für die
inzwischen festgestellte hochgradige Kontamination auch zivilisationsferner
Ökosysteme, etwa in den polaren Regionen.
Chlorhaltige Zwischenprodukte, für die rd. 65 Prozent des
Primärchlors verwendet werden, sind gleichfalls eine wichtige Quelle der
Umwelt- und Gesundheitsbelastung, da regelmäßig Störfälle zum Produktions- und
Transportbetrieb gehören, wie auch die häufigen Chlorunfälle zeigen.
I.
Chlororganische Umweltöstrogene:
Reproduktionsstörungen, Brustkrebs, Entwicklungsstörungen
Chlororganische Stoffe greifen auf verschiedenen Wegen in
das Hormonsystem, speziell in das Wirkungsgefüge der Steroidhormone, ein. Teils
haben sie hormonähnliche Wirkung, teils beeinflussen sie den Hormonspiegel. Zu
den Steroidhormonen gehören die für die Entwicklungs- und Reproduktionsprozesse
wichtigen Sexualhormone (Östrogen, Progesteron, Testosteron). Deren Wirkung ist
rezeptorvermittelt. Untersuchungen zeigen, daß einzelne Chlororganika diese
Rezeptoren blockieren oder aktivieren können. Entwicklungsstörungen können auch
durch die Beeinflussung des Schilddrüsenhormonspiegels ausgelöst werden.
Eine Reihe von Indizien spricht für die These, daß die
zunehmenden Reproduktionsstörungen bei Männern (Abnahme der Spermienzahl,
Zunahme von Hodenkrebs, Hodenhochstand u.a.) auch auf den Einfluß von
östrogen-wirksamen oder den Hormonspiegel beeinflussenden Umweltchemikalien
zurückzuführen sind. Hier spielen, wie Tierversuche oder die Folgen des
taiwanesischen Yu-Cheng-Unfalls zeigen, z.B. pränatale Expositionen gegenüber
Dioxinen und PCBs offenbar eine Rolle. Tierexperimente sowie verschiedene
Untersuchungen bei beruflich exponierten Männern (Pestizide, Dioxine) und
Dioxinschädigungen durch den Vietnamkrieg verweisen auf gleiche Zusammenhänge.
Reproduktionsstörungen bei Frauen und Erkrankungen von
Organen des Reproduktionssystems (Zunahme von Brust- und anderen Krebsarten,
Endometriose) stehen vermutlich ebenfalls mit erhöhter Belastung durch östrogen-wirksame
Chemikalien in pränatalen oder späteren Stadien in Zusammenhang. Indizien für
eine Erhöhung des Brustkrebsrisikos gibt es für Pestizide (speziell DDT) und
PCB; Dioxin kann offenbar schon in geringen (chronischen) Belastungsdosen
Endometriose, d.h. Wucherungen von Gebärmuttergewebe außerhalb der Gebärmutter,
auslösen.
Schädigungen des Embryos können durch Pestizide und
leichtflüchtige Chororganika bewirkt werden. Pränatale PCB-Exposition kann
Wachstumsverzögerungen (Untergewicht bei der Geburt) und kindliche
Entwicklungsstörungen nach sich ziehen (Untersuchungen aus dem Umfeld der Great
Lakes in den USA und nach dem Yu-Cheng-Unfall). Chlororganisch bewirkte
Beeinträchtigungen von Intelligenzleistungen dürften über die Beeinflussung des
Schilddrüsenhormonspiegels ausgelöst werden (Dioxine, PCBs).
Krebs durch organische Chlorverbindungen
Chlororganika gehören zu den chemischen Kanzerorgenen. Sie
erzeugen meist nicht direkt Krebs, sondern wirken i.d.R. über ihre
Abbauprodukte. Einige Chlororganika sind direkt gentoxisch, andere agieren als
sog. Krebspromotoren, die nicht für sich genommen Krebs auslösen können, das
Krebswachstum aber anregen. Es gibt jedoch auch Chlororganika, die sowohl
gentoxisch als auch tumorpromovierend sind. Die Latenzzeit bis zum Ausbruch des
Krebses beträgt i.d.R. mehrere Jahrzehnte; der Kausalnachweis der
Krebsverursachung wird auch hierdurch sehr erschwert.
Generell ist nachgewiesen, daß Dioxin im Tierversuch und
beim Menschen zu einer eindeutigen
Erhöhung der allgemeinen Krebsmortalität führt. Das bestätigten auch
epidemiologische Studien bei dioxinexponierten Arbeitern. Leber- und Darmkrebs
wird durch Vinylchlorid ausgelöst. Im Tierversuch gilt dies auch für PCBs; die
epidemiologischen Studien zeigen hier kein eindeutiges Bild für den Menschen.
Bei Krebs der Bauchspeicheldrüse konnte eine strenge Assoziation mit
DDT-Exposition gezeigt werden. Im Fall von Lungenkrebs spielen Vinylchlorid,
Chlormethylether, elementares Chlor sowie Dioxin eine Rolle. Eine 1995 veröffentlichte
Studie des ehemaligen Vorsitzenden der MAK-Kommission, Prof. Henschler, hat
nachgewiesen, daß das noch immer gebräuchliche Lösemittel Trichlorethylen
Nierenkrebs verursacht. Weichteilsarkome werden gehäuft bei Belastungen durch
Chlorphenole, Chlorphenoxyessigsäure (2,4-D) und Dioxine gefunden.
2,4-D-Herbizide erhöhen auch das Risiko für Lymphknotenkrebs. Bei der als
Krebsvorstadium zu betrachtenden aplastischen Anämie sind Pestizide (Lindan,
PCP) als Verursacher in Verdacht. Blasen- und Mastdarmkrebs wird u.a.gehäuft
bei Exposition gegen chlorhaltige Amine und, in geringfügigem Maße, gegen
Hypochlorit (gechlortes Wasser) konstatiert. Chlororganisch
bedingte Krankheiten von Nerven- und Immunsystem, Leber und Nieren
Aus Tierversuchen und epidemiologischen Studien ist eine
neurotoxische bzw. narkotische Wirkung vieler chlororganischer Verbindungen auf
das zentrale Nervensystem bekannt. Dies gilt besonders für leichtflüchtige,
aber auch für schwerflüchtigere Chlororganika. Chronische Effekte sind hier
Nervenschädigungen, die sich als verringerte Konzentrationsfähigkeit,
verminderte Gedächtnisleistung, Persönlichkeitsveränderungen u. dgl.
darstellen. Auch in diesem Fall sind die früheren prä- und postnatalen
Entwicklungsstufen besonders empfänglich für sich u.U. erst später
manifestierende Belastungen.
Die Neurotoxizität von PCBs beim Menschen ist nachgewisen.
Sie wird mit Veränderungen in der Konzentration des Neurotransmitters Dopamin
in Verbindung gebracht. Nachgewiesen sind auch entsprechende Dioxin-Schädigungen
sowie durch HCH (Hexachlorcyclohexan, Lindan) ausgelöste neurologische
Symptome. Die Anhäufung von relativ unspezifischen, in ihrer Summe aber stark
belastenden "Befindlichkeitsstörungen" von Bewohnern von Wohnungen
mit pestizidbehandeltem Holz, die lange Zeit als irrelevant abgetan wurden,
geht u.a. auf PCP und Lindan zurück. Dies konnte auch in beim
Holzschutzmittel-Prozeß präsentierten Studien belegt werden. Zu den
neurotoxischen Wirkungen der chlorierten Lösemittel liegen relativ viele Befunde
vor.
Auf Immuntoxizität verweisen neben Tierversuchen - hier sind
es die bekannten Auslöser PCB, PCP, Dioxine, Pestizide - auch einige
epidemiologische Studien. Signifikante Veränderungen bei einigen Zelltypen des
Immunsystems mit relativ langer Latenzzeit ergaben sich z.B. nach
PCP-Exposition. Gleiches gilt für PCB- und Dioxin-Belastungen (Yusho- und
Yu-cheng-Unfälle; Dioxin-Unfall bei der BASF).
Degenerative Schädigungen an Leber und Niere - den
Hauptentgiftungs und Ausscheidungsorganen des Körpers für Schadstoffe - sind
neben der ZNS-Toxizität und dem kanzerogenen Potential einiger Verbindungen die
wichtigsten durch Chloraliphaten ausgelösten Schädigungen beim Menschen, wie
sich aus zahlreichen Befunden ergibt.
III. Fazit
Die systematische Untersuchung der Toxizität, Persistenz und
Bioakkumulierbarkeit der Stoffgruppe der Chlororganika bestätigt die Kritiker
der Chlorchemie, die seit langem vor einer Gefahr durch die Stoffgruppe der
Chlororganika warnen.
Faktisch alle untersuchten synthetischen chlororganischen
Verbindungen oder ihre Vor- bzw. Abbauprodukte sind umwelt- und
gesundheitsschädlich. Dies hängt ursächlich mit der Einführung von Chlor in die
organischen Moleküle zusammen. Die Regelhaftigkeit dieses Zusammenhangs
begründet die Annahme einer "Gruppengefahr", d.h. einer Gefährdung,
die vermutlich von allen, auch den noch nicht untersuchten, Chlororganika
ausgeht.
Gruppengefahr heißt:
Dieses Gefährdungspotential ist bei chlororganischen
Produkten regelmäßig anzutreffen. Daraus folgt:
Gerade chlororganische Produkte, die bisher noch nicht näher
auf ihre Human- und Ökotoxizität untersucht wurden, unterliegen dem begründeten
Verdacht der Umwelt- und Gesundheitsschädlichkeit. Der Gruppengefahr kann durch
eine konsequente Anwendung des Vorsorgeprinzips begegnet werden. Das heißt: