Stoffströme
wichtiger endokrin wirksamer Industriechemikalien
(Bisphenol A; Dibutylphthalat/Benzylbutylphthalat;
Nonylphenol/Alkylphenolethoxylate)
Zusammenfassung
Seit den Untersuchungen von Dodds und Lawson in den
dreißiger Jahren ist bekannt, daß einzelne Industriechemikalien auf das
Hormonsystem wirken und endokrine Effekte auslösen können. Heute sind mehrere
hundert Chemikalien mit östrogener Aktivität bekannt. Bei den meisten handelt
es sich um phenolische bzw. aromatische Verbindungen.
Aber erst seit wenigen Jahren werden schon seit längerem
beobachtete Reproduktionsschäden bei wildlebenden Tieren und epidemiologische
Befunde über die Zunahme von Hodenkrebs, von Genitalanomalien und von
Veränderungen bei Spermienzahl und -qualität beim Menschen mit einer möglichen
Wirkung von „Umwelthormonen“ in Verbindung gebracht und öffentlich diskutiert.
Als besonders problematisch erscheinen dabei die endokrine Wirkung schon
geringer Konzentrationen von Umweltchemikalien in sensiblen Entwicklungsphasen
von Organismen und die in ihrer Bedeutung bisher ungeklärte Möglichkeit
kombinatorischer Wirkung verschiedener Substanzen.
Um die gegenwärtig diskutierten Hypothesen über einen
Zusammenhang zwischen Umweltchemikalien und Störungen im endokrinen System
näher prüfen zu können, sind neben Untersuchungen über Wirkmechanismen und
-potenzen der Substanzen sowie ihr Vorkommen in der Umwelt und neben einer
systematischeren Erfassung von Effekten bei Tieren und Menschen auch Kenntnisse
über die Stoffströme von Verbindungen notwendig, für die eine endokrine
Wirksamkeit im Experiment gefunden wurde.
Die vorliegende Studie untersucht für 1995 die Stoffströme
für drei solcher Substanzen bzw. Substanzgruppen, die als Industriechemikalien
Bedeutung haben und in einer Größenordnung von 10 bis 200 Kilotonnen pro Jahr
in der Bundesrepublik Deutschland produziert werden. Es handelt sich um Bisphenol
A, das im wesentlichen als Vorprodukt für Polycarbonate und Epoxidharze
Verwendung findet, um Dibutylphthalat (DBP) und Benzylbutylphthalat (BBP),
zwei Weichmacher, die zu zwei Drittel für PVC-Weichmachung eingesetzt werden,
und um Nonylphenol, das einen Ausgangsstoff für Phenolharze,
hauptsächlich aber für Nonylphenolethoxylate darstellt, die als Emulgatoren mit
tensidischer Wirkung Verwendung finden.
Es wird untersucht, wofür und in welchen Mengen die
Verbindungen produziert werden, in welchen Produkten sie enthalten sind, wo mit
Umweltemissionen zu rechnen ist und wie die Entsorgungswege aussehen.
2. Erfassung der Stoffstromdaten
- Methode, Darstellung
Über Produktionsmengen, Verwendungsstruktur
und Entsorgungswege der genannten Industriechemikalien liegen nur z.T.
Daten aus der amtlichen Produktionsstatistik vor, die auf Meldungen der
Unternehmen zurückgehen. Für die Stoffstromanalyse wurden diese Daten in
Direktrecherchen beim Statistischen Bundesamt erfaßt und berücksichtigt. Im
Vordergrund stand jedoch die Erhebung von Daten zu Produktion, Verarbeitung und
Verwendung bei den Unternehmen, die sie produzieren, die mit den entsprechenden
Chemikalien bzw. Verarbeitungsprodukten handeln oder die die entsprechenden
Produkte als "Endverbraucher" einsetzen. Daneben wurden Angaben von
Industrieverbänden herangezogen.
Dabei erwies sich die Aufschlüsselung der wichtigsten Anwendungsbereiche
der verarbeiteten Rohstoffe nach Branchen und der jeweiligen Produktgruppen
als Hauptproblem. Durch die Kombination von Herstellerangaben und von Angaben
von Unternehmen, die die einzelnen Produktmärkte beliefern, konnten hier jedoch
relativ konsistente Daten gewonnen werden. Diese Aufschlüsselung des
Stoffstroms für einzelne Produktbereiche ist notwendig, wenn Emissionsquellen
näher "eingekreist" werden sollen. Denn für alle untersuchten Substanzen
erwiesen sich, wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße, die Produkte, in denen
sie enthalten bzw. verarbeitet sind, als die entscheidende Emissionsquelle.
Die Daten zu Emissionen beruhen gleichfalls auf
Herstellerangaben bzw. auf Schätzungen anhand ihrer Angaben sowie auf
Auskünften von Experten und der Fachliteratur. Empirisch begründete Studien
über Emissionsströme der untersuchten Verbindungen liegen nur für
Einzelbereiche vor. Für viele Anwendungsbereiche waren keine Informationen
verfügbar. Die Angaben beziehen sich daher nur auf identifizierbare
Emissionen und müssen als untere Schätzwerte angesehen werden.
Die quantitativen Angaben zu den Entsorgungswegen
beziehen sich auf den Jahresverbrauch der jeweiligen Substanzen für die
Erzeugung von Produkten, die im Inland verwendet werden, nicht auf den real in
Gebrauch befindlichen Stock an Erzeugnissen, der, soweit es sich um langlebige
Kunststoffprodukte handelt, den jährlichen Neuzugang deutlich übersteigt. Bei
den Angaben zur Entsorgung handelt es sich nur um sehr grobe Abschätzungen von
Größenordnungen, die sich zudem in Zukunft mit dem Greifen der TA
Siedlungsabfall deutlich verändern dürften.
Die Stoffströme werden für die untersuchten
Umweltchemikalien nach einem einheitlichen, fünfstufigen Schema dargestellt.
Ermittelt wurden (1) die inländischen Produktionsmengen, (2) der
inländische Produktionsverbrauch, d.h. die im Inland verarbeiteten
Stoffmengen, (3) der inländische Produktverbrauch, d.h. die im Inland in
Produkten zum Endverbrauch verbleibenden Mengen, (4) die Entsorgungsmengen
sowie (5) die identifizierbaren Emissionen aus dem gesamten
Produktionsprozeß (Herstellung, Verarbeitung, Transport) und aus den Produkten.
Bei allen drei Stoffgruppen findet ein ausgeprägter Außenhandel
sowohl mit der Rohware wie mit Verarbeitungsprodukten (Zwischen- und
Endprodukte) statt. Er führt, gemessen an der inländischen Produktionsmenge,
auf allen Stufen zu einem Nettoabfluß ins Ausland. Dieser Außenhandelt wurde
ebenfalls soweit wie möglich berücksichtigt und abgeschätzt.
3. Stoffeigenschaften
der untersuchten Substanzen bzw. Substanzgruppen
Bei den drei auf ihren Stoffstrom hin untersuchten
Substanzen handelt es sich, wie bei den meisten Umweltchemikalien mit
endokriner Wirkung, um aromatische Verbindungen. Bisphenol A und
Nonylphenol sind Phenolabkömmlinge, die beiden Phthalate sind Ester der
1,2-Benzoldicarbonsäure.
Für Bisphenol A und Nonyl- bzw. Octylphenol liegen
eindeutige Hinweise auf schwache östrogene Wirkung aus in-vitro- und
in-vivo-Experimenten vor. Für die beiden Phthalate sind entsprechende Befunde
nur aus in-vitro-Experimenten bekannt, die als widersprüchlich gelten und
in-vivo nicht reproduziert werden konnten. (Generationsübergreifende
reproduktionstoxische Effekte von BBP und DBP, die in in-vivo-Experimenten
gefunden wurden, gelten nicht als spezifischer Nachweis von östrogener Wirkung,
stehen andererseits aber im Einklang mit einer solchen Hypothese.) Die
experimentell in-vitro bestimmten östrogenen Wirkpotenzen der drei Verbindungen
liegen, gemessen an 17b-Östradiol,
um den Faktor 10-4 - 10-6 niedriger.
Nonylphenol ist gegenüber allen geprüfen Organismen toxisch;
DBP wird von den Herstellern als reproduktionstoxisch eingestuft, für BBP wird
dies als Möglichkeit angenommen. Bisphenol A scheint für Mikroorganismen kaum,
für höhere Organismen jedoch in vielen Fällen toxisch zu sein. Dies sind Gründe
dafür, daß alle drei Substanzen auf die Prioritätenliste gemäß EWG-Verordnung
793/93 zur Bewertung und Kontrolle der Umweltrisiken chemischer Altstoffe
gesetzt wurden.
Hinsichtlich ihres Abbauverhaltens unterscheiden sich
die drei Substanzen deutlich. Bisphenol A ist biologisch gut, abiotisch kaum
abbaubar. Dibutylphthalat und Benzylbutylphthalat sind als vergleichsweise
kurzkettige Phthalate aerob wie anaerob relativ rasch biologisch abbaubar.
Nonylphenol ist dagegen stabil. Es kann aus Nonylphenolethoxylaten durch
biologischen Abbau freigesetzt werden.
Betrachtet man das Verteilungsverhalten der drei
Substanzen, so sind alle drei kaum oder nur mäßig wasserlöslich. Da die
Alkylphenolethoxylate sich dank ihrer polaren Eigenschaft gut im Wasser lösen,
werden sie zu einer Eintragsquelle von Nonylphenol in Gewässer. Die Affinität
aller drei Verbindungen zu organischem Material (Octanol-Wasser-Verteilung) ist
hoch. Bei Freisetzung ist, vom Bisphenol A über Nonylphenol zu den Phthalaten
ansteigend, Bindung an Boden und Sediment zu erwarten.
Untersuchungen für die Bundesrepublik zeigen, daß die
Phthalate und Nonylphenol als gewässerrelevant anzusehen sind. Für
Bisphenol liegen faktisch keine Befunde vor.
Die Massenströme für alle drei untersuchten Substanzen
sind in Tab. 1 zusammengefaßt. Sie beziehen sich auf allen Stufen -
Produktion, Weiterverarbeitung zu Produkten, Verbrauch in Endprodukten,
Emissionen und Entsorgungswege - auf die Bundesrepublik Deutschland 1995.
Unter Produktion wird dementsprechend die
inländische Erzeugung von Rohware verstanden. Die Rubrik Verarbeitung
erfaßt die im Inland zu Zwischen- oder Endprodukten weiterverarbeitete Rohware,
d.h. den Produktionsverbrauch; die Differenz zur Erzeugung ergibt sich aus dem
Außenhandelsaldo von Export und Import. Unter Endprodukte wird der
Verbrauch an umgesetzter Substanz in Fertigware im Inland verstanden
(Produktverbrauch); auch hier ergibt sich die Differenz zu den vorhergehenden
Stufen aus dem Außenhandel. Bei "Verarbeitung" und bei "Endprodukten" handelt
es sich mithin nicht nur um Erzeugnisse, die in der Bundesrepublik produziert
worden sind, sondern z.T. auch um importierte Rohware zur Weiterverarbeitung
bzw. importierte Endprodukte zum Verbrauch im Inland. Da für eine Reihe von
Produkten sowie generell für die Entsorgungsphase keine Emissionsschätzungen
möglich waren, wird von "identifizierbaren Emissionen" gesprochen.
Bisphenol A wurde 1995 in einer Größenordnung von
210.000 Tonnen in der Bundesrepublik produziert. Alleinige Hersteller sind die
Bayer AG (Krefeld-Uerdingen) und die Dow Deutschland Inc. (Rheinmünster). Der
deutsche Anteil an der westeuropäischen Produktion liegt bei 50 Prozent. Beim
Bisphenol gibt es nur einen geringen Import, und die Rohware wird auch nur zu
etwa 10 Prozent exportiert. Die Masse des Produkts wird in der Bundesrepublik
weiterverarbeitet. Bedeutender ist dagegen der Export bei der verarbeiteten
Ware. Nur 57 Prozent des umgesetzten Bisphenol A verbleiben per saldo in im
Inland verbrauchten Produkten.
Dibutylphthalat und Benzylbutylphthalat wurden 1995
in einer Größenordnung von 21.600 bzw. 9.000 Tonnen, zusammen knapp 31.000
Tonnen, erzeugt. DBP wurde 1995 von vier Herstellern geliefert (BASF AG, BAYER
AG, Buna GmbH und Hüls AG); bei DBP war die BAYER AG der einzige inländische
Produzent. Nimmt man beide Phthalate zusammen, so liegt der Inlandsverbrauch in
Endprodukten bei rd. 70 Prozent der Produktionsmenge.
Nonylphenol wurde ausschließlich von der Hüls AG
erzeugt. Der Import von Rohware ist sehr gering, der Export mit 40 Prozent der
Erzeugung beachtlich. Von der im Inland zu Endprodukten weiterverarbeiteten
Menge Nonylphenol wird noch einmal die gleiche Menge mit Fertigware exportiert,
so daß zum Endverbrauch im Inland per saldo weniger als ein Viertel der
erzeugten Rohware verbleiben. Nonylphenol ist insofern die exportintensivste
der untersuchten Substanzen.
Von Interesse ist nunmehr, zu welchen Produkten die Rohware
verarbeitet wird und wie der Inlandsverbrauch entsprechender Produkte für 1995
aussieht.
5. Stoffverwendungen
Die wichtigsten Strukturdaten hinsichtlich der inländischen
Verarbeitung der Rohware zu Zwischen- und Fertigprodukten sind in Tab. 2
zusammengestellt. Die Mengenangaben beziehen sich auf die umgesetzte bzw.
verarbeitete Substanzmenge.
Bisphenol A (BPA) ist ein polymerisationsfähiges
Ausgangsprodukt für die Herstellung von Kunststoffen. Das in der Bundesrepublik
produzierte BPA wird fast vollständig zu Polycarbonat (ca. 70 Prozent) und
Epoxidharz (ca. 30 Prozent) umgesetzt. Nichtpolymerisiertes BPA findet in
einigen Spezialbereichen als Additiv Verwendung (Farbentwicklungskomponente in
Thermopapier, Antioxidans bei Hochtemperaturkabeln und Reifen; Umsetzung zu
Tetrabrombisphenol A als Flammschutzmittel).
Das in Polycarbonat bzw. Epoxidharz umgesetzte Bisphenol A
ist chemisch fest gebunden. Der Restmonomerengehalt wird als gering
(ppm-Bereich) angegeben. Polycarbonate sind sehr stabile Kunststoffe, die in
vielen Bereichen als Konstruktionswerkstoffe verwendet werden (Platten,
Scheiben, Folien, Hohlkörper, Behältnisse für Lebensmittel, medizinische Zwecke
u.a.). Bei Epoxid-Harzen handelt es sich um flüssige Harze, die unter Zugabe
von Härtern zu gleichfalls harten, unlöslichen und chemikalienbeständigen
Kunststoffen ausreagieren, die besonders als Kleb-, Lack- und Gießharze
eingesetzt werden. Hauptverwendungen sind Oberflächenbeschichtungen, darunter
auch die Innenbeschichtung von Metallverpackungen (Getränke-, Konservendosen).
BPA ist außerdem Ausgangsprodukt für die Herstellung von epoxidharzähnlichen
zahntechnischen Kompositen (Füll- und Versiegelungsmassen).
BPA, das als Additiv für Thermopapier, bei
Hochtemperaturkabeln und bei Gummireifen eingesetzt wird, ist nicht chemisch
gebunden und wird daher leichter freigesetzt.
Dibutylphthalat und Benzylbutylphthalat sind zwei
sog. äußere Weichmacher, die Kunststoffen beigemischt werden, um deren
Flexibilität und Viskosität zu beeinflussen, und die gleichfalls nicht
chemisch, sondern nur physikalisch gebunden werden.
DBP ist ein vergleichsweise flüchtiges, kurzkettiges
Phthalat, das hauptsächlich (65 Prozent) bei PVC als "fast fusing"
Weichmacher-Komponente eingesetzt wird, d.h. als die am schnellsten mit PVC
reagierende "Gelierhilfe". Wegen seiner Flüchtigkeit ist DBP z.T. durch andere
Phthalate ersetzt worden. 30 Prozent der DBP-Anwendungen entfallen auf Lacke,
Dispersionen und Klebstoffe. DBP verbessert die Temperatur-, Fließ- und
mechanischen Eigenschaften von Lack. In Dispersionen (Beschichtungsmaterial,
Farben, Weißleim) wird es u.a. zur Verbesserung der Filmbildung beigegeben. Bei
Klebstoffen, insbesondere Polyvinylacetatklebern, erhöht es deren Elastizität
und Fließfähigkeit.
BBP ist ein relativ teurer Spezialweichmacher, der ebenfalls
gut als Gelierhilfe für PVC geeignet ist und die Alterungsbeständigkeit von
Kunststoff erhöht. In Fußbodenbelägen, der Domäne von BBP im PVC-Bereich (60
Prozent der Anwendungen), wird es auch wegen seiner schmutzabweisenden Wirkung
verwendet. Mit ca. 30 Prozent sind Polysulfiddichtmassen der zweite
Hauptverbraucher von DBP. Solche Dichtmassen werden für Isolierglasfenster
sowie im Beton-Hochbau und im sonstigen Baubereich eingesetzt, wo Boden und
Grundwasser gegen Chemikalien abgedichtet werden müssen. BBP ist hier ein
Standardweichmacher, der auf Grund seiner "sperrigen" Struktur vergleichsweise
fest in die Polymermatrix eingebunden ist.
Beide Phthalate werden außerdem in geringer Menge
Weichmachergemischen für zahlreiche andere Kunststoffanwendungen zugesetzt.
Auf Nonylphenol entfallen rd. 70 Prozent der in der
Bundesrepublik erzeugten Alkylphenolmenge. Es wird zu einem geringen Teil (13
Prozent) zu Nonylphenolharz weiterverarbeitet. Solche Phenolharze werden als
Klebrigmacher in der Gummiindustrie, zur Erhöhung der Klebrigkeit, Binde- und
Wärmefestigkeit von Klebstoffen und bei Lacken besonders als Härter für
Epoxidharze eingesetzt, die vor allem bei der Innenlackierung von
Blechverpackungen Verwendung finden.
Bei den sonstigen Verwendungen von Nonylphenol dominiert die
Herstellung des kommerziell und technisch wichtigen Additivs
Tris(nonylphenyl)phosphit (TNPP), das für Lebensmittelkontakt zugelassen ist
und als Co-Stabilisator bei PVC und anderen Kunststoffen eingesetzt wird.
Mit über 80 Prozent geht die Masse des Nonylphenol in die
Ethoxylierung. Bei den Alkylphenolethoxylaten (APEO) handelt es sich
fast ausnahmslos um Nonylphenolverbindungen. APEO sind grenzflächenaktive,
nichtionische Tenside, die emulgierende bzw. dispergierende Wirkung haben und
für äußerst vielfältige Anwendungen geeignet sind.
Auf der Stufe der Weiterverarbeitung wurden von den APEO rd.
50 Prozent als Emulgatoren für Emulsionspolymerisate auf Basis von
Styrol-Butadien, Styrol-Acrylat, reinen Acrylat- oder PVC-Systemen eingesetzt.
Die Produktpalette umfaßt Kunststoffbeschichtungen (Papierbeschichtungen,
Textilbeschichtungen/Teppichrücken), Dispersionsfarben und Lacke, Klebstoffe,
Dichtungsmassen u.ä. Produkte. Der Emulgator-Gehalt solcher Dispersionen kann
sehr unterschiedlich sein und liegt im Durchschnitt bei rd. 1,5 Prozent.
Die andere Hälfte der weiterverarbeiteten APEO verteilt sich
auf ganz unterschiedliche Produktbereiche, wobei auch hier die
Emulgator-Wirkung im Vordergrund steht. In Pflanzenschutzmitteln dienen sie als
Formulierungshilfsmittel (Spritzmittel-Konzentrate). In bauchemischen Produkten
finden sie sich ebenfalls als Formulierungshilfsmittel in Betonzusätzen wie
Luftporen- und Schaumbildnern sowie in Formtrennmitteln und bei Wachs- und
Bitumenemulsionen. In Erzeugnissen der Minerlölindustrie sind sie als Additive,
Emulgatoren und Dispergiermittel bei Kühlschmierstoffen, Schmier- und
Hydraulikölen sowie bei Motorölen enthalten. Weiter sind zu nennen:
Offshore-Chemikalien (Hilfsmittel der Ölförderung), Textil- und
Lederhilfsmittel, Industriereiniger, Hilfsmittel für die Herstellung von
Kunststoffen, Farben und Lacken, Hilfsmittel für die Papier- und
Zellstoffindustrie, Flockungshilfsmittel für Kläranlagen sowie medizinische und
veterinärmedizinische Produkte.
Tab. 3 gibt eine Übersicht zur Stoffverwendung auf
der Ebene der im Inland 1995 abgesetzten Endprodukte. Die APEO sind hier
als gesonderte Gruppe aufgeführt und aufgeschlüsselt. Quantitative Differenzen
zwischen Tab. 2 und 3 ergeben sich aus dem Außenhandel.
Während beim Bisphenol A und bei den Phthalaten keine
wesentlichen qualitativen Unterschiede in der Verwendungsstruktur auf den
beiden Stufen Verarbeitung (Produktionsverbrauch) und Endprodukte
(Produktverbrauch) bestehen bzw. angenommen werden (für die Phthalate konnte
die Struktur des Endverbrauchs nicht detailliert erhoben werden), zeigen sich
beim Nonylphenol und den Alkylphenolethoxylaten deutliche Unterschiede.
Beim weiterverarbeiteten Nonylphenol wurden über 80 Prozent
zu Ethoxylaten umgesetzt. Vom gesamten Nonylphenol, das 1995 in im Inland
abgesetzten Endprodukten enthalten war, entfielen demgegenüber auf die APEO nur
weniger als 50 Prozent. Im Inland produzierte APEO bzw. Nonylphenolethoxylate
werden also in großem Maße (zu ca. 75 Prozent) exportiert und nicht im Inland
verwendet. Dies hängt zweifellos mit der Diskussion um die Gewässertoxizität
von APEO und ihren Abbauprodukten, insbesondere Nonylphenol zusammen. Diese
Diskussion hatte 1986 eine Selbstverpflichtung der entsprechenden
Industrieverbände auf Verzicht von APEO in Haushaltswasch- und
Reinigungsmitteln, die dem WRMG unterlagen, bewirkt. Die Selbstverpflichtung
hat zur Substitution von APEO in vielen Anwendungsbereichen und damit zur
deutlichen Verminderung des APEO-Verbrauchs geführt, der 1985 bei 17.000 Tonnen
lag, von denen rd. 9.500 Tonnen (56 Prozent) langfristig substituiert werden
sollten. Der APEO-Verbrauch des Jahres 1995 entspricht etwa dem des Jahres
1985, vermindert um die damals zu substituierende Menge von APEO, die in
abwasserrelevanten Produkten nach WRMG enthalten waren.
Der APEO-Verzicht für Anwendungen, die unter das WRMG
fielen, hat jedoch keineswegs zu einem vollständigen Verzicht auf
abwassergängige APEO-Anwendungen geführt. 1986 blieben etwa 2.500 Tonnen
abwasserrelevante APEO (die größtenteils nicht unter das WRMG fielen) von der
Reduktionsverpflichtung ausgenommen. Für 1995 sind von den in Tab. 3
zusammengestellten APEO-Verwendungen mindestens 800 Tonnen als abwasserrelevant
einzustufen (ohne Formulierungshilfsmittel in Pestiziden, Offshore-Chemikalien
u.a.).
Der 1995 gegenüber der zweiten Hälfte der achtziger Jahre
konstatierte Rückgang der Nonylphenolkonzentration in Oberflächengewässern
verweist einerseits auf die Wirkung der APEO-Substitution, zeigt aber zugleich,
daß (neben möglicher Remobilisierung aus dem Flußsediment) noch beachtliche
Eintragsquellen vorhanden sind. Das Bemühen um APEO-Substitution bei den Wasch-
und Reinigungsmitteln hat auch in anderen Anwendungsbereichen den Ersatz von
APEO befördert, so daß der Verbrauchszuwachs in den von der
Reduktionsverpflichtung nicht berührten Anwendungsbereichen gegenüber 1985 nur
gering ist.
Die in Tab. 4 zusammengestellten Emissionen aus dem
Stoffstrom der untersuchten Substanzen stellen in vieler Hinsicht nur eine
Annäherung an die jeweiligen Größenordnungen dar. Sie beziehen sich auf den
Produktionsprozess der jeweiligen Substanzen (Herstellung, Verarbeitung,
Umschlag) und auf die abgesetzten bzw. in Gebrauch befindlichen Produkte.
Es war bereits darauf verwiesen worden, daß es sich nur um
die im Rahmen dieser Studie identifizierbaren Emissionen handelt, da für eine
Reihe wichtiger Produktgruppen keine Anhaltspunkte für die Abschätzung von
Emissionen vorlagen. Dies betrifft insbesondere: beim Bisphenol A die
Epoxidharze; beim Nonylphenol die Nonylphenolharze und die
Emulsionspolymerisate. Für alle drei Substanzgruppen gilt des weiteren, daß
quantifizierbare Angaben zu Emissionen aus der Entsorgungsphase von Produkten,
die aus dem Produktions- und Konsumtionsprozeß ausgeschieden sind, nicht
gemacht werden können, da hierzu keine ausreichenden empirischen Anhaltspunkte
vorliegen.
Ein zweites methodisches Problem für die
Emissionsschätzungen betrifft die Bezugsgrößen. Bei langlebigen Produkten wie
Kunststoffen muß für die Erfassung der realen Emissionen neben den Produktions-
und Verarbeitungsmengen der vorhandene Stock an Produkten in der
Konsumtionsphase zugrundegelegt werden. Er übersteigt den jährlichen Zugang an
Neuprodukten wie auch den jährlichen Abgang an ausrangierten bzw. vernutzten
Produkten. Beim Bisphenol A wurde dies nicht berücksichtigt, da der
Produkt-Stock und darauf bezogene Emissionen nicht erhoben werden konnten. Bei
den Phthalaten wurden die Emissionen anhand von empirisch gestützten
Emissionsfaktoren für die verschiedenen Stufen des Stoffstroms geschätzt. Die
Emissionsfaktoren wurden in Anlehnung an eine Untersuchung des Europäischen
Chemieverbandes (CEFIC) über Phthalatemissionen aus PVC in Westeuropa
abgeleitet, bei der Diethylhexylphthalat als Modellsubstanz diente und die,
soweit es um Emissionen aus Produkten geht, auf den in der Konsumtionsphase
befindlichen Stock an Produkten bezogen war. Unter der Annahme, daß sich die
westeuropäischen Verhältnisse bezüglich Produktstock und Neuproduktion von
Phthalaten nicht grundsätzlich von der Situation in der Bundesrepublik
unterscheiden, kann davon ausgegangen werden, daß der Stock in den
Emissionsfaktoren berücksichtigt ist (Details sind der vorliegenden Studie zu
entnehmen). Beim Nonylphenol werden zu langlebigen Produkten (Phenolharze,
Emulsionspolymerisate) keine Aussagen über Emissionen gemacht, und bei den
Alkylphenolethoxylaten sollten Jahresemissionen und Jahresverbrauch zur Neuware
in direkter Relation stehen.
Zusammengefaßt: Die realen Bisphenol A-Emissionen aus
Produkten dürften unterschätzt sein, weil der Stock nicht genügend
berücksichtigt wird. Für die Emissionen aus Nonylphenol-haltigen Produkten gilt
gleiches, weil langlebige Kunststoffanwendungen nicht berücksichtigt werden.
Dennoch ist davon auszugehen, daß die Größenordnung der jeweiligen
Emissionsströme nicht gravierend verzerrt wird. Beim Bisphenol A sind die
Emissionen aus Produkten absolut gesehen nicht bedeutend, und sie stammen
hauptsächlich aus einem Verwendungszusammenhang, der relativ exakt erfaßt
werden konnte (Recycling von Thermopapieren). Beim Nonylphenol dominieren die
APEO als Eintragsquelle, denen gegenüber Emissionen aus Emulsionspolymerisaten
und Phenolharzen vermutlich um einen Zehnerpotenz geringer sein dürften. Diese
Einschränkungen zeigen jedoch, daß hier noch viele Unklarheiten bestehen und
endgültige Aussagen nicht getroffen werden können.
Bei den in Tab. 4 zusammengestellten Emissionen
handelt es sich um umweltrelevante Freisetzungen nach Abluft- bzw.
Abwasserreinigung im Normalbetrieb. Bei aller Unsicherheit der Schätzung
fallen auf den ersten Blick die Unterschiede in der Größe der Emissionen auf.
Sie liegen beim Bisphenol A in der Dimension von Dezitonnen, bei beiden
Phthalaten zusammen bei ca. 650 Tonnen (Mittelwert) und beim Nonylphenol in der
Größenordnung von 200 Tonnen. Zugleich läßt Tab. 4 erkennen, daß die Nutzung der
Endprodukte im Gegensatz zum Herstellungs- und Verarbeitungsprozeß die
Hauptquelle der Emissionen darstellt. Das ist besonders deutlich ausgeprägt
beim Nonylphenol, schwächer dagegen bei den Phthalaten, gilt aber im Grundsatz
für alle drei Substanzen. Damit stellt sich zuerst die Frage, welches die
wesentlichen Faktoren sind, die das Emissionsverhalten der verschiedenen
Substanzen kontrollieren.
Hier sind zu unterscheiden (1) stoffseitige Eigenschaften
der Substanzen und ihrer Verarbeitungsprodukte; (2) verfahrens- und
entsorgungstechnische und (3) nutzungsbedingte Faktoren.
u>Stoffseitig besteht ein wesentlicher Unterschied
zwischen den Substanzen in der Art ihrer Umsetzung zu bzw. Einbindung in die
Verarbeitungsprodukte. Bisphenol A liegt mit Ausnahme weniger
Sondernutzungen in den Endprodukten in umgesetzter und ins Polymer
eingebundener Form vor und kann aus dem Kunststoff nur in geringem Maße
freigesetzt werden. Die Phthalate werden in der Polymermatrix der
jeweiligen Kunststoffe nur physikalisch gebunden und können damit je nach
Flüchtigkeit, Temperatur- und Umfeldbedingungen migrieren, ausdampfen und
ausgewaschen werden. Nonylphenol wird bis auf geringe Mengen zwar
chemisch umgesetzt (Phenolharze, Alkylphenolethoxylate), kann aber aus den
abwassergängigen APEO freigesetzt werden und ist selbst relativ stabil.
Verfahrens- und entsorgungstechnisch sind der Stand
der Technik des Umweltschutzes bei Herstellung, Verarbeitung und Transport der
Substanzen und Verarbeitungsprodukte sowie die Abwasserreinigung die
entscheidenden Faktoren. Dazu gehört auch der Umgang mit dem anfallenden und
belasteten Klärschlamm (landwirtschaftliche Nutzung oder Verbrennung/Deponie).
Nutzungsbedingt treten Emissionen besonders dort auf,
wo Freisetzung die Folge des bestimmungsgemäßen Gebrauchs der Substanzen bzw.
ihrer Verarbeitungsprodukte ist. Dies gilt z.B. für APEO als
Formulierungshilfsmittel in Pflanzenschutzmitteln und bei sonstigen
abwasserrelevanten APEO-Anwendungen, die zwar verfahrenstechnisch kontrolliert
werden (Kläranlagen), bei denen aber Gewässereinträge von Nonylphenol
grundsätzlich nicht zu vermeiden sind.
Die Unterschiede der Emissionen bei den untersuchten
Stoffströmen lassen sich mit diesem Raster im wesentlichen erklären.
Die Hauptemissionsquelle beim Bisphenol A stellt das
Recycling von Thermopapier dar, in dem „freies“ BPA als
Farbentwicklungskomponente bzw. Co-Reaktant enthalten ist. Diese Emissionen
werden der Produktnutzung zugerechnet. Die hierbei anfallende Abwasserfracht
lag 1995 bei 1 - 1,6 Tonnen. Der Eintrag in Klärschlamm zur
landwirtschaftlichen Nutzung wird auf 9 - 17 Tonnen geschätzt, wobei hier der
BPA-Abbau im Klärschlamm zu bestimmen wäre. Der Umwelteintrag aus anderen
Produkten wurde nur für Polycarbonat (max. 1,5 Tonnen, bezogen auf die
Jahresproduktion) geschätzt.
Bei den Phthalaten sind bedeutendere (luftgängige)
Emissionen bei der Verarbeitung und bei den Produkten zu erwarten. In Tab. 4
werden Emissionsspannen angegeben. Sie ergeben sich aus der Abschätzung von
Emissionsfaktoren für die verschiedenen Stufen von Produktion und
Produktnutzung.
Die Ableitung dieser Emissionsfaktoren lehnt sich an
entsprechende Untersuchungen zu DEHP an. Sie berücksichtigt neben den
stoffspezifischen Eigenschaften (Dampfdruck, Flüchtigkeit) die verfahrens- und
entsorgungstechnischen Aspekte (unterschiedlich starke Emissionen bei den
verschiedenen Verarbeitungsverfahren von PVC-Produkten und anderen Polymeren
wie z.B. Kalandrieren oder Spritzguß) einschließlich Überprüfung der
Abluftreinigung. Ebenso werden die Unterschiede bei den phthalathaltigen
Produkten (emissionsoffene oder emissionsdichte Verwendungen, z.B.
Fußbodenbeläge, Lacke oder Isolierglasfenster) in Rechnung gestellt. Zur
Abschätzung der absoluten Emissionen werden die Emissionsfaktoren auf den
inländischen Produktverbrauch bezogen. Bei Herstellung/Transport liegen die
Emissionsfaktoren (jeweils Mittelwerte) bei 0,03 Prozent, bei der Verarbeitung
bei 0,8 Prozent für DBP und 0,25 Prozent für BBP. Bei den Produkten wird mit
3,4 Prozent für DBP und mit 1,5 Prozent für BBP gerechnet.
Diese Abstufungen zeigen, daß auch bei den Phthalaten die
Produkte die quantitativ dominierende Emissionsquelle darstellen.
Die Nonylphenol-Emissionen aus dem gesamten
Produktionsprozeß sind, wie auch im Fall von Bisphenol A, nach
Herstellerangaben gering. Dies hängt mit den hier vorherrschenden
großbetrieblichen Produktionsbedingungen (Abwasser- und Abluftreinigung)
zusammen. Es war bereits erwähnt worden, daß beim Nonylphenol zu Emissionen aus
Nonylphenolharzen und Emulsionspolymerisaten keine Aussagen gemacht werden
können. Hauptquellen für die Freisetzung von APEO bzw. Nonylphenol sind
nutzungsbedingt die Pflanzenschutzmittel (APEO als Formulierungsheilfsmittel)
und die abwasserelevanten APEO-Anwendungen, die auf mindestens 800 Tonnen
kalkuliert werden, sowie bauchemische Produkte. Die Gesamtmenge wird auf 210
Tonnen Nonylphenol pro Jahr geschätzt, von denen mindestens 60 Tonnen als
direkter Gewässereintrag anzusehen sind.
Die in Tab. 1 zusammengestellten Daten über die aus dem
jährlichen Stoffstrom anfallenden Substanzmengen, die als Deponat entsorgt oder
verbrannt werden, haben rein illustrativen Charakter und wurden grob geschätzt.
Sie zeigen, daß in den Deponien große Mengen der drei Substanzen eingelagert
sind, über deren Verhalten einschließlich Emission in Sickerwässer kaum
Kenntnisse vorliegen. Aus der Verbrennung der Abfälle in entsprechenden Anlagen
sind, soweit hierzu Angaben verfügbar waren, keine Emissionen der untersuchten
Substanzen zu erwarten.
Die Stoffstromanalyse zeigt, daß nicht allein die
Produktions- und Verwendungsmengen der untersuchten Substanzen unter
Umweltgesichtspunkten aussagekräftig sind, sondern daß die jeweilige Umsetzung
der Substanzen und die Form, in der sie in Verarbeitungsprodukten vorliegen,
von entscheidender Bedeutung sind.
Die Umwelteinträge werden mengenmäßig durch diffuse
Freisetzung aus Produkten in der Gebrauchsphase bestimmt. Dies gilt durchgängig
für die beiden Phthalate. Bei Bisphenol A und bei Nonylphenol zeichnen sich
besonders emissionsrelevante Einzelanwendungen ab. Dies betrifft Bisphenol A in
Thermopapieren und APEO in Pflanzenschutzmitteln (Spritzmitteln) sowie generell
abwassergängige APEO-Anwendungen in verschiedenen Branchen. Die in den
zurückliegenden Jahren bei Wasch- und Reinigungsmitteln betriebene
APEO-Substitution zeigt, daß hier durch anwendungsspezifische Maßnahmen
Umweltbelastungen reduziert werden können.
Für eine ganze Reihe von Verwendungen und für die Abfallentsorgung
lagen nicht genügend Informationen vor, um tragfähige Aussagen machen zu
können. Weiteren Aufschluß dürften die Daten der EG-Altstoff-Untersuchung
geben, die für diese Studie noch nicht vorlagen.