Aktuelle und künftige Emissionen treibhauswirksamer fluorierter Verbindungen in Deutschland
Zusammenfassung
Fluorierte Verbindungen wurden erst in den letzten Jahren
auf ihre Klimarelevanz hin intensiver untersucht. Sie sind wegen ihres außerordentlich
hohen spezifischen Beitrags zum Treibhauspotential u.a. Gegenstand politischer
Verhandlungen mit dem Ziel einer Stabilisierung der Treibhausgaskonzentration
in der Atmosphäre.
Es handelt sich vor allem um das vollfluorierte
Schwefelhexafluorid (SF6) und
perfluorierte Fluorkohlenwasserstoffe wie Perfluormethan (CF4 und Perfluorethan (C2F6).
Dazu kommen wasserstoffhaltige Fluorkohlenwasserstoffe (HFKW) wie R134a, R125
und R143a. Die Klimawirksamkeit dieser Verbindungen resultiert aus
ihren z.T. extrem langen, bis in den Bereich von Jahrtausenden reichenden,
atmosphärischen Verweilzeiten, verbunden mit hoher spezifischer Absorption der
einzelnen Moleküle im treibhausrelevanten infraroten Spektralbereich. Diese
fluorierten Verbindungen stellen daher die mit Abstand treibhauswirksamsten
Stoffe in der Atmosphäre dar. Die als Maßzahlen zum Vergleich mit CO2 als Referenzsubstanz herangezogenen
Global Warming Potentials (GWPs) erreichen bei Betrachtung eines Zeithorizontes
von 100 Jahren für SF6 Werte
von 23900, für C2F6 9200, für CF4 6500 und für die technisch wichtigsten
HFKW Werte zwischen 1000 und 2000 (GWP von CO2
= 1). (IPCC 1995)
In der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich nicht zu
vernachlässigende Mengen aller drei genannten Gruppen von fluorierten
Verbindungen frei. Die Hauptemissionsquellen für CF4/C2F6
sind Aluminiumhütten, für SF6 die Verwendung als Füllgas von
Autoreifen und Schallschutzscheiben, für HFKW die Kälte- und Klimatechnik.
Vorliegende Studie untersucht die Realentwicklung von
Verbrauch und Emissionen der genannten Stoffe zwischen 1990 und 1995 und stellt
auf der Grundlage der von Herstellern und Anwendern gegenwärtig verfolgten
Trends Prognosen für die Jahre bis 2020 auf. Es versteht sich, daß die
prognostizierten Emissionswerte zwar Plausibilität, aber nicht Verbindlichkeit
beanspruchen können. Die Prognoseszenarien basieren auf eher konservativen
Schätzungen. Dies impliziert, daß z.B. durch technisch/technologische
Optimierung in vielen Fällen niedrigere Emissionsraten erreichbar sind. 1. Inländische Emissionen der drei Stoffgruppen - Trends
Die Emissionen von
CF4/C2F6, SF6 und HFKW entwickeln sich
seit 1990 mit unterschiedlicher Richtung und Dynamik. Es ergeben sich folgende
Prognosen bis 2020.
1.1 Emissionsrückgang bei CF4
Die jährlichen Freisetzungen vermindern sich bis zum Jahr 2000 auf 30% der
Ausgangsmenge des Bezugsjahres 1990: von 355 t/42 t (1990) über 218 t/27 t
(1995) auf langfristig stabile 106 t/12 t (vgl. Tabelle 1 u. Diagramm 1). Hauptgrund dafür sind
Kapazitätsabbau und - in stärkerem Maße - Modernisierungsmaßnahmen in der
Aluminiumindustrie, die zu 95% jene Emissionen verursacht. Sie entstehen
ungewollt als Nebeneffekt der elektrolytischen Reduktion von Tonerde zu
Aluminium, und zwar umso weniger, je exakter und kontinuierlicher die Zufuhr
der Tonerde in das Elektrolysebad erfolgt. Da das Modernisierungspotential der
inländischen Aluminiumelektrolysen aus gegenwärtiger Sicht ab dem Jahr 2000
weitgehend ausgeschöpft sein wird, ist davon auszugehen, daß sich der Trend der
Emissionsverringerung nicht bis ins nächste Jahrtausend fortsetzen wird.
1.2 Leichter Anstieg der Emissionen von SF6
Zwischen 1990 und 1995 sind die
Inlandsemissionen von 163 t auf 251 t gestiegen. Halten die gegenwärtigen
Nutzungstrends an, werden die Freisetzungen nach einem vorübergehenden Rückgang
zwischen 1997 und 2000 erneut zunehmen und ihr Maximum im Jahr 2020 bei knapp
300 t erreichen (vgl. Tabelle 1 und Diagramm 1).
Die Zunahme der SF6-Emissionen
von 1990 bis 1997 beruht auf einer Ausweitung der beiden mit jeweils 40-44% an
den Gesamtemissionen beteiligten Anwendungen Füllgas für Autoreifen und für
Schallschutz-Isolierglasscheiben. Ab 1997 ist zwar mit einem Rückgang der
umstrittenen SF6-Verwendung zur Reifenfüllung zu
rechnen; drei Jahre später (2000) auch mit einem entsprechenden
Emissionsrückgang. Ab 2000 steigen allerdings die Emissionen aus dem Sektor
Schallschutzscheiben kräftig an. Denn dann beginnt der Rückbau der seit 1975
genutzten und nach 20-30 Jahren Lebensdauer unbrauchbar gewordenen
Fenstergläser. Da es im Unterschied zu SF6 -isolierten elektrischen
Schaltanlagen bei der Ausmusterung kein Entsorgungs- oder Wiederaufarbeitungskonzept
gibt, werden im Jahr 2020 fast 200 t SF6 aus dem Sektor Schallschutzscheiben in
die Atmosphäre entweichen. Gegenüber den Emissionsquellen Autoreifen und
Schallschutzscheiben sind Hochspannungs-Schaltanlagen, Magnesiumgießereien und
sonstige Anwendungsbereiche des Gases von untergeordneter Bedeutung. Die
Gasisolierung von Hochspannungsschaltanlagen verbraucht zwar über die
Hälfte der jährlich in Deutschland verkauften SF6-Menge. Da diese
Anlagen aber erstens sehr dicht sind und zweitens für ihre Entsorgung ein
Wiederaufarbeitungskonzept des SF6-Gases vorhanden ist, liegen die
jährlichen Emissionen bei ca. 10 t.
Diagramm
1: Emissionen vollfuorierter Verbindungen von 1990 bis 2020 in t/a
(Realentwicklung und Prognose). Während die Emissionen der perfluorierten FKW
CF4 und C2F6 bis zum Jahr 2000 deutlich
zurückgehen, nehmen die vor allem aus Autoreifen- und
Schallschutzscheibenfüllung stammenden SF6-Emissionen
noch bis zum Jahr 2020 zu.
Die erst ab 1990 gezielt als FCKW/HFCKW-Nachfolgestoffe
hergestellten HFKW emittieren in nennenswertem Umfang seit 1993 in die
Atmosphäre. Im Jahre 1995 wurden rd. 2000 t des hauptsächlich Verwendung
findenden HFKW Tetrahydrofluorethan (R 134a) freigesetzt. Die wegen des
Verwendungsverbots notwendige FCKW-Substitution kann teilweise sowohl durch
fluorierte Gase als auch durch halogenfreie Alternativen erfolgen. Diese Studie
geht daher von zwei Szenarien (vollständiger FCKW-Ersatz durch HFKW und
teilweiser Umstieg auf HFKW) aus. Im Zuge der bis nach 2000 währenden
FCKW-Substitution wird unter der Annahme eines vollständigen
FCKW-Umstiegs auf HFKW um das Jahr 2007 ein langfristig stabilisiertes
Emissionsniveau von ca. 9700 t/a erreicht werden (Tabelle 1, Z. 5; Diagramm 2).
Wahrscheinlicher ist jedoch nur ein partieller Umstieg von FCKW auf
HFKW zugunsten eines höheren Anteils halogenfreier Alternativen. In diesem Fall
ist nach einem Maximum der HFKW-Emissionen von ca. 7000 t im Jahr 2007 mit
einem Emissionsrückgang auf 5 000 t/a bis 2020 zu rechnen (Tabelle 1, Z.
4; Diagramm 2).
Die seit 1990 für HFKW infrage kommenden FCKW-Anwendungen sind Kältemittel in stationären und
mobilen Anlagen sowie Treibgase für Polyurethan-Montage-Schaum und
Asthmasprays. Bei vollständigem Umstieg auf HFKW würden ab 2007 aus der
stationären Kältetechnik (Gewerbe, Industrie, Gebäudeklima) jährlich knapp 5000
t und aus der mobilen Kältetechnik (zu 90% Pkw-Klimaanlagen) ca. 2600 t HFKW
frei. Dazu kämen HFKW-Treibgase im Umfang von ca. 1700 t aus PU-Schaumdosen
und 400 t aus Asthma-Dosiersprays. Ein nur teilweiser HFKW-Umstieg, der
im Jahr 2020 mit nur etwa halb so viel Emissionen verbunden wäre, gründet sich
auf die verstärkte Hinwendung zu Ammoniak und einfachen Kohlenwasserstoffen in
der stationären Kältetechnik und zu Kohlendioxid bei Pkw-Klimaanlagen. In der
inhalativen Asthmabehandlung werden als Alternative zu treibgasbasierten Dosiersprays
bereits neuentwickelte dosiergenaue Pulverinhalatoren eingesetzt
Diagramm 2: HFKW-Emissionen 1990-2020 in Tonnen pro Jahr bei teilweisem und bei
vollständigem FCKW-Umstieg auf HFKW (Realentwicklung und Prognosen). Werden
nicht alle gegenwärtigen FCKW/HFCKW-Anwendungen durch HFKW, sondern zum Teil
durch halogenfreie Alternativen ersetzt (Ammoniak und brennbare
Kohlenwasserstoffe in der stationären, CO2 in der mobilen
Kältetechnik), steigen die Emissionen nicht bis auf 9700 t/a, sondern nur bis
auf 7000 t/a - mit rückläufiger Tendenz auf 5000 t/a im Jahr 2020.
2. Treibhauswirksamkeit der Emissionen
Tabelle 2 und Diagramm 3 geben den aus den Verbrauchs- und
Emissionsprognosen abgeleiteten, kumulierten Beitrag der fluorierten
Verbindungen zum Treibhauseffekt zwischen 1990 und 2020 wieder, gemessen in
Mio. t CO2-Äquivalente.
Wie eingangs bemerkt, sind die spezifischen GWP-Werte der
einzelnen fluorierten Verbindungen sehr verschieden. Das GWP von SF6 beträgt mit 23900 mehr als das 18-fache
des GWPs von HFKW 134a, das 1300 CO2-Äquivalenten
entspricht. Darum ist, über einen 100-jährigen Zeitraum betrachtet, die
Strahlungswirkung von 300 t SF6
mit jener von 5000 t HFKW vergleichbar, mit anderen Worten: Der Beitrag beider
Stoffmengen zur Erwämung der Erdatmosphäre ist in etwa gleich groß.
Diagramm 3: Emissionen fluorierter Verbindungen in Mio. t CO2-Äquivalente
1990-2020 (Realentwicklung und Prognosen). Die kumulierten Beiträge zum
Treibhauseffekt entsprechen im Jahr 2020 im Falle vollständigen HFKW-Umstiegs
der Wirkung von 25 Mio. t CO2. Die wichtigsten Stoffe sind SF6
und HFKW, während perfluorierte Alkane nach 2000 von geringerer Bedeutung
sind. Sollte der Ersatz von FCKW nur teilweise durch HFKW erfolgen
("HFKW teilweise"), beträgt das Treibhauspotential der emittierten
fluorierten Verbindungen fast 10 Mio. t CO2-Äquivalente weniger.
Von den betrachteten fluorierten Verbindungen kommt im
Zeitraum 1990 bis 2000 dem SF6
der größte Anteil am anthropogenen Treibhauseffekt zu. Dieses Verhältnis
verschiebt sich zu Beginn des nächsten Jahrhunderts, ausgelöst durch verstärkte
FCKW-Substitution in Richtung HFKW.
Aus Tabelle 2 und Diagramm 3 wird nicht nur die große
Klimarelevanz der SF6- und
HFKW-Emissionen deutlich, sondern auch die entlastende Wirkung eines nur teilweisen
HFKW-Umstiegs gegenüber einem vollständigen. Die kumulierten Beiträge zum
Treibhauseffekt entsprechen im Jahr 2020 im Falle eines vollständigen
FCKW-Ersatzes durch HFKW der Wirkung von 25 Mio. t CO2. Sollte der Ersatz von FCKW nur
partiell durch HFKW erfolgen ("HFKW teilweise"), beträgt das
Treibhauspotential der emittierten fluorierten Verbindungen immerhin fast 10
Mio. t CO2-Äquivalente
weniger.
3. Zur Klimarelevanz
der inländischen Emissionen fluorierter Verbindungen
Die Bedeutung der Emissionen der fluorierten Verbindungen
HFKW, SF6 und CF4 /C2F6 erscheint, gemessen an den inländischen
Gesamtemissionen treibhauswirksamer Spurengase, relativ gering. Aus Tabelle 3
geht hervor, daß ihr zusammengefaßter Anteil an den Gesamtemissionen - ausgedrückt
als CO2-Äquivalente - im Jahr
1990 ca. 0,7 Prozent betrug. Dennoch wäre es aus ökologischer Sicht nicht
angebracht, die genannten fluorierten Verbindungen zu vernachlässigen. Denn
erstens wird im Jahr 2020 ihr Anteil voraussichtlich auf 2,6 Prozent
angestiegen sein. Zweitens sind HFKW und SF6
die einzigen treibhauswirksamen Spurengase, deren Emissionsmengen bis zum Jahr
2020 nicht ab, sondern zunehmen.
Im übrigen ist darauf zu verweisen, daß sich die
treibhauswirksamen Gesamtemissionen aus einer Vielzahl von für sich genommen
meist kleinen Einzelquellen speisen, die bei der notwendigen Reduktion der
Treibhausgase alle angehalten sind, ihren entsprechen Reduktionsbeitrag zu
leisten.